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Tickets im Jobcenter

Wo geht’s hier zum Jobcenter?

Vom Tiefpunkt zum Aufbruch

Es ist ein paar Jahre her, als einer meiner vielfältig eingeschlagenen Lebenswege wieder einmal zur Sackgasse wurde. Als Mitarbeiter und gleichzeitiger Teilhaber einer Firma geriet ich in die Zahlungsunfähigkeit und mangels Rücklagen blieb mir keine andere Möglichkeit als beim Jobcenter anzuklopfen um Hartz IV zu beantragen. Ich sah zu diesem Zeitpunkt auch keine wirkliche Alternative dazu, denn ich war ratlos was meine Zukunft anging. Hätte ich vorher gewusst, was es bedeutet sich dem Antragsprozedere zu unterziehen hätte ich dankend abgewunken und es vorgezogen in einem Supermarkt Regale einzuräumen. Ich glaube es war eine Mischung aus Stolz und Hilflosigkeit als ich von anderen Möglichkeiten absah und stattdessen den Gang zum Jobcenter vorzog. Schnell vergisst man dabei, dass ein solches Auffangnetz im Vergleich zu vielen anderen Ländern der Erde nicht selbstverständlich ist.

Trotzdem ist es kein erhebendes Gefühl darauf angewiesen zu sein und obwohl ich all meinen Optimismus zusammen genommen hatte, fühlte ich mich ehrlich gesagt dem Bodensatz der Gesellschaft zugehörig. Schon beim Betreten der Wartehalle, in der man ein Nummernticket aus dem Automaten zieht folgt der Blick in verschiedene Gesichter. Ich bemerkte wie ich versuchte möglichst wenig bedürftig zu wirken und führte ein inneres Gespräch, das mich aufmuntern sollte, das Ganze hier wirklich nur als kurzfristigen Notnagel zu sehen. Auch in den anderen Gesichtern meinte ich ähnliche Bemühungen erkannt zu haben, möglichst solide zu wirken.

Reality-TV aus nächster Nähe

Das Klientel ist bunt gemischt und reicht von tatsächlich notorischen Arbeitsverweigerern und zerrütteten Existenzen über Menschen die ganz offensichtlich nicht mehr arbeitsfähig sind. Das sind keine schnell gefassten Vorurteile, denn nachdem ich das Jobcenter betreten hatte, geriet ich sogleich in eine Szenerie, die ich sonst nur aus dem Nachmittagsprogramm der privaten Fernsehsender kannte. Eine Gruppe junger Erwachsener, die ihre guten Sitten offensichtlich schon lange über Bord geworfen hatten, machte keinen Hehl daraus eine Bande Perspektivloser zu sein. Bei diesem Anblick sah ich selbst bei größtem Wohlwollen keine Chance auf Umkehr mehr. Sie wirkten wie Menschen, die ihr Leben schlicht aufgegeben hatten und wahrscheinlich trennte sie nur die Stütze vom Leben eines Obdachlosen. Sie alberten lautstark auf dem Gang herum und probten gegenüber den Mitarbeitern einen Aufstand um kurzfristig ein paar wenige Euros zu bekommen.

Während das Arbeitsamt in Innenstadtnähe in einem großzügigen Gebäudekomplex residiert, befindet sich das Jobcenter in einem in die Jahre gekommenen Betonwürfel in einem Industriegebiet am Rande der Stadt. Ich kenne den Vergleich, denn ein paar Jahre zuvor wurde ich auch im Arbeitsamt vorstellig und hier wehte ein anderer Wind. Hier geht es nicht um die Grundsicherung kritischer „Fälle“ sondern um die möglichste schnelle Vermittlung zurück in den normalen Arbeitsmarkt. Naiv zu glauben dahinter stecke keine gewollte Methodik, denn die Trennung zwischen beiden Welten ist ganz klar und offensichtlich. Ich will diesen Umstand nicht werten, aber es ist einfach sehr auffällig, wie man die Härtefälle in einem Außenbezirk irgendwo am Rande der Stadt abstellt.

Diskretion gab es nicht

Als meine Ticketnummer an der Anzeigetafel erschien, betrat ich einen der Büroräume durch eine schwere Stahltür, die mit einem satten Geräusch hinter mir zufiel. Mir gegenüber saß eine Dame, die recht streng wirkte und darauf drängte meinen Antrag möglichst schnell abzuschließen. Ich konnte ihr es nicht verübeln, denn mit Sicherheit hatte sie hier keine einfache Arbeit zu bewältigen und schon einige Nerven verloren. Die eigentlich nötige Diskretion in solchen Dingen fiel auch über Bord, denn neben mir saß ein weiterer Kandidat, der sich – wie ich – einigen drängenden Fragen stellen musste. Der Mann fiel in die Kategorie „nicht mehr arbeitsfähig“ und war vom Wesen her ein sehr freundlicher, gutmütiger Mensch, der sich größte Mühe gab ein gutes Bild abzugeben. Auch seine Bearbeiterin gab unmissverständlich zu verstehen, dass auch sie möglichst schnell diesen Papierkram ad acta legen wollte. Ein Paradebeispiel emotionaler Abgrenzung gegen Einzelschicksale und das „Nicht-hören-wollen“ von Märchengeschichten oder sonstigen Ausflüchten. Verständlich, denn ohne einen gewissen Schutzpanzer gerät man als Mitarbeiter in einem Jobcenter wohl schnell an seine Grenzen.

Ich fühlte mich nackt

Die Beantragung glich einem Offenbarungseid. Keinen Cent würde es geben, bevor ich nicht meine gesamten Vermögensverhältnisse offengelegt hatte. Wer irgendwo Vermögenswerte geparkt haben sollte, hat schlechte Karten auf ein wenig Geld aus der Staatskasse. Es war wirklich ein hartes Stück Arbeit alle geforderten Unterlagen heraus zu kramen, zumal mir Papierkram ein echter Graus ist. Ich hatte Zeiten, da flogen Kontoauszüge und Steuerbescheide geradewegs in den Papierkorb und auch heute wundere ich mich immer wieder, wieviel sinnloses Papier Behörden und Firmen produzieren können. So hatte ich einige Mühe alles nötige zu sammeln und doch wurde ich beim erstmaligen Termin abgewiegelt. Es fehlten Auszüge eines meiner Konten und ohne diese gab es eben keine Unterstützung. Als ich nach dem zweiten Termin dann letztlich doch einen „grünen Haken“ der Sachbearbeiterin bekam, hatte sich meine Not auch schon gelindert. Ich hatte eine neue Anstellung gefunden und konnte nach diesem Tiefpunkt in meinem Leben, dieses Kapitel hinter mir lassen. Ich würde das Jobcenter heute nicht mehr betreten wollen sondern stattdessen einen der wenig angesehenen Brot- und Butterjobs antreten, bevor ich mich noch einmal auf diese Art und Weise nackt fühlen muss. Es ist keine Frage, dass es ein großer Vorzug unseres Sozialsystems ist, solch eine Möglichkeit der Grundsicherung überhaupt zu haben. Trotzdem möchte ich diese Erfahrung nicht zwingend noch einmal machen müssen und doch war sie wertvoll für mich. In keiner Phase meines Lebens war ich so kreativ und gewillt Problemlösungsstrategien zu finden wie zu dieser Zeit. Ich erhielt dadurch einiges an innerer Klarheit und auch wenn der Weg, den ich danach beschritt, nicht einfach sein sollte, war es doch der Startschuss dafür ein ganzes Stück mehr ich selbst zu sein.

Text und Bilder: (c) Michael Beetz

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Hi, mein Name ist Michael Beetz und ich bin das Gesicht hinter wunderdings.de – Mein Blog mit Geschichten aus meinem Leben.

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